Verein für Internationale Jugendarbeit - Frankfurt

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Blick zurück mit Olga von Metzler

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„Blick zurück mit Olga von Metzler“ im Hessischen Rundfunk mit der Redakteurin Gisela Geier-Löwy aus dem Jahre 1987. Abschrift des Interviews.

Olga von Metzler

Olga von Metzler war eine ledige Schwester von Dr. Gustav von Metzler. Mit ihrer Mitgliedschaft bei unserem Verein knüpfte sie an eine lange Tradition des vij Frankfurt an. Denn bereits bei der Vereinsgründung in Frankfurt vor 125 Jahren waren Damen aus berühmten Frankfurter Bankiersfamilien beteiligt. Während der Nazizeit war die Vereinstätigkeit untersagt. Olga von Metzler war eine der Initiatorinnen, die die Wiedergründung des Vereins nach dem zweiten Weltkrieg vorantrieb und sich intensiv um den Aufbau der Au-Pair-Vermittlung bemühte. Die Au-pair-Vermittlung wurde später zum Hauptaufgabenfeld des vij- Frankfurt.

Im Alter von 81 Jahren gab Olga von Metzler folgendes Interview:

Olga von Metzler: Wir haben geteilt gewohnt, wir sind im Jahr einmal umgezogen. Das war raus hier im Sommer, ins Sommerhaus in Bonames. Da lebte meine Großmutter. Und zu der zogen wir dann auch. Mit Kisten und Kasten und Kanarienvögeln und was dazugehört. Und da blieben wir den Sommer über und im Winter lebten wir in der Savignystraße. Bonames war wunderbar, wunderbar war das. Denn wir hatten ja hier diesen riesengroßen Garten. Er schließt sich hier an. Ein 11 Morgen großes Grundstück. Für Kinder ideal. Der Fluss war dran. Der Garten war am Fluss. Der Fluss spielte eine große Rolle. Es kamen dann unsere Freunde und wir sind schwimmen gegangen. Und es war schon sehr schön im Sommer.

Olga von Metzler, 80 Jahre alt, erinnert sich an ihre Jugend. Bonames, 1910 nach Frankfurt eingemeindet, war damals noch eine idyllisch am Flüsschen Nidda gelegene Ortschaft, umgeben von Wiesen und Feldern mit Blick auf die Taunusberge. Das Landhaus der Familie von Metzler ließ sich nur während der Sommermonate bewohnen, denn es war schlecht beheizbar und als Beleuchtung dienten Kerzen, Petroleumlampen, später Gasleuchten. „Zu gefährlich für die Kinder“, erinnert sich Olga von Metzler.

Olga von Metzler wurde 1906 in Frankfurt geboren. Ihr Vater Hugo von Metzler entstammte einer der angesehensten Bankiersfamilien der Stadt.

Olga von Metzler: Mein Vater war Bankier in der Metzler-Bank. Wie es in damaliger Zeit war, hatte er natürlich nebenbei noch Zeit für private Interessen. Er hat sich eigentlich dann um soziale Dinge gekümmert. Und ich glaube das liegt auch in unserer Familie, dass wir alle den Hang haben, uns um andere Menschen zu kümmern. Er hat sich zum Beispiel hier um den Kindergarten gekümmert. Er war sächsischer Konsul, das lag nahe, weil meine Mutter war nicht aus Frankfurt, sie stammte aus Leipzig. Sie hat verhältnismäßig spät geheiratet und das Einleben in Frankfurt fiel ihr sehr schwer. Es muss wohl das sächsische Leben da ganz anders gewesen sein wie hier. Sie war ein ausgesprochener Familienmensch und sehr für uns drei Kinder da. Immer. Ich hatte eine acht Jahre ältere Schwester und einen zwei Jahre jüngeren Bruder. Meine Schwester war, was in damaliger Zeit eigentlich ungewöhnlich war, in keiner Weise für mondäne Geselligkeit interessiert. Sondern sie war strack und ging auf ihren Beruf zu und das war Altersfürsorgerin. Das hat sie mit wahnsinniger Passion und ich glaube man kann sagen außergewöhnlich gut gemacht.

Wenn die Familie nicht in Bonames lebte, dann bewohnte sie ihr Stadthaus im Frankfurter Westend. Olga von Metzler bekam Privatunterricht, später besuchte sie die Anna-Schmidt-Schule. Mit 12 Jahren erlebte sie zum ersten Mal eine Oper. Webers „Oberon“ hinterließ bei ihr einen unauslöschlichen Eindruck. Später durfte sie auch Konzerte besuchen. Im Winter lief man Schlittschuh im Palmengarten, ansonsten „waren wir eine eher unsportliche Familie“, so Olga von Metzler.

Die Villa in Bonames, gleich am Ortseingang an der Straße nach Frankfurt gelegen, ist wahrscheinlich um 1770 gebaut worden. 1827 erhielt sie ihre heutige Gestalt

Olga von Metzler: Der obere Stock wurde von dem Urgroßvater drangebaut. Was sehr schade war, es war nämlich ein Barockhaus. Und leider ist der Turm auf Neogotik umgebaut. Und der Turm hatte ein Zeltdach und war wirklich sehr schön. Und der Großvater hat das leider auf diese Weise dann umgebaut. Sehr schade, aber wir sind es so gewohnt, wir haben es ja vorher nicht gekannt. Der Charme hier vom Haus und die Malereien.

Heute steht die Villa, hellgelb gestrichen, die Fenster weiß abgesetzt, die Fensterläden dunkelgrün, unter Denkmalschutz. Längst ist sie nicht mehr Sommersitz, sondern ständiges Wohnhaus der Familie. Hier lebt auch Olga von Metzler. Umgeben von Biedermeiermöbeln und Familienbildern erzählt sie von damals:

Olga von Metzler: Bonames war auf jeden Fall in meinen Kindertagen ein Dorf. Und das haben wir sehr genossen. Wir haben auch mit den Dorfkindern gespielt. Zum Beispiel eine lustige Geschichte: Wie wir kleiner waren, mussten wir Schürzen anziehen. Mein Bruder fand das sehr unmännlich und rannte in den nächsten Tante-Emma-Laden. Er warf seine Schürze dorthin mit dem Versprechen, niemand was zu sagen. Und ehe er wieder zu uns nach Hause kam, holte er die Schürze wieder. Daran sehen sie eben, wie wir doch eigentlich sehr autoritär erzogen waren. Das gehört ja eben in diese frühere Zeit.

Es war die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Standesunterschiede spielten noch eine große Rolle. Waren auch die Metzlerkinder bei der Dorfjugend die Kinder der Herrschaft?

Olga von Metzler: Ja. Leider. Etwas, was ich nachträglich kaum verstehen kann. Bei meinem Seniorenkreis sind verschiedene Bonameser dabei, die mir dann Geschichten erzählen, wie sie am Zaun gehängt haben und wir blieben drin innerhalb des Gartens. Das bedauere ich außerordentlich. Ich kann es nur erklären mit der damaligen, nicht boshaften Einstellung den Menschen gegenüber, denn das waren meine Familie, meine Eltern überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wir hatten hier in der Bonameser Bevölkerung wirklich sehr nette Freunde.

Die Metzlers hatten auch Bedienstete, die Jahrzehnte lang bei ihnen lebten. 40 Jahre waren da nichts Besonderes.

Olga von Metzler: Wir hatten nachher auch einen sehr originellen Gärtner. Der also die ganze Familie sehr liebte und wir liebten ihn sehr. Und der sich besonders nachher mit der nächsten Generation, mit unseren Kindern, sehr gut verstand. Prima. Was der Löffler sagte, das galt. Er machte zum Beispiel meinen Neffen in einem bestimmten Alter mal betrunken, weil man muss prüfen, ob Männer dem Alkohol gewachsen sind. Solche Sachen. Es war ein sehr lieber Mann. Auch im Krieg, wenn Fliegerangriff war und alles in den Keller ging, blieb er oben bei meinem Vater sitzen, weil der nicht mehr – damals dann sehr alt – nicht mehr die Treppen runter konnte. Das waren oft sehr heftige Angriffe, weil wir die Heddernheimer Kupferwerke hier in der Nähe hatten.

Wir hatten, wie wir klein waren, eine französische Schweizerin, damit wir Französisch sprechen sollen. Das haben wir auch getan. Alle Lieder, die ich gelernt habe, Kinderlieder, sind bei mir französisch. Denn wir haben mit ihr gesungen und alles Französisch. Daher kann ich auch etwas Französisch. Alles, was ich kann, ist Kinderfranzösisch.

Ein alter Kindervers geht so:

„Ri, ra, rutsch,
mer fahre in de Kutsch,
mer fahre in de Schees,
bis nach Bonames.“

Olgas ältere Schwester Eva wurde tatsächlich noch mit der Kutsche in die Schule gefahren. Die jüngeren Geschwister hingegen benutzten schon die Trambahn. Die Linie 25, die zwischen Homburg und Frankfurt verkehrte.

Olga von Metzler: Und da ging das sehr bequem. Aber wir durften ja, wie wir jünger waren, nie allein gehen. Wir hatten ja immer Begleitung. Das war dann auch sehr oft das französische Kindermädchen, die uns dann lebhaft zu meiner großen Verlegenheit in der Trambahn französisch unterhielt. Und dann vor allem mussten wir, wie wir klein waren, Hüte im Garten anziehen. Große Strohhüte. Mein Bruder trug Matrosenanzüge. Ich hätte so wahnsinnig gern auch Matrosenanzüge angezogen. Aber das hieß, für Mädchen ist das nicht passend.

Die Mädchen trugen also Kleider.

Olga von Metzler: Ganz gewöhnliche Kleider. Und zu meinem Entsetzen musste ich alles so sauber halten, dass ein Kleid eine Woche getragen werden konnte. Ich durfte nicht wechseln. Und da ich sehr eitel war, hätte ich so gerne jeden Tag ein neues Kleid in der Schule angezogen. Das gab es nicht.

Eine elegante junge Frankfurterin, biedermeierlich gekleidet und frisiert, sitzt am Klavier. Hinter ihr lehnt eine zweite junge Frau. Es sind die Schwestern Susanna Auguste und Anna Emilie Metzler, dargestellt auf einem Gemälde, das heute über Olga von Metzlers Sofa hängt. Susanna Auguste war die Urgroßmutter, die in Bonames gerne bei geöffnetem Fenster Klavier spielte. Die Liebe zur Musik war und ist in der Familie von Dauer.

Olga von Metzler: Eine große Rolle spielte die Musik bei uns in der Familie. Meine Mutter spielte konzertreif Klavier und wir Kinder sangen eigentlich alle. Mein Bruder spielte noch Geige, ich spielte auch Klavier, schlecht, aber immerhin. Gesungen habe ich unendlich viel. Und wahnsinnig gern. Es wurde Hausmusik gemacht. Meine Freundin, die nachher bei mir lebte, war ja ausgebildet auch.

Heute knattern Hubschrauber der US Army am Haus vorbei und die Nidda ist vom Fenster aus kaum mehr zu erspähen. Stattdessen ein großer betonierter Platz vor dem Garten.

Olga von Metzler: Natürlich hat sich’s voll und ganz geändert. Schon durch die Regulierung vom Fluss, der Flusslauf war ja ein ganz anderer. Das Haus ist eigentlich geblieben. Auch Gott sei Dank innen ist es geblieben. Es war eine Zeit lang mal vermietet. Hatten wir es an einen Mann mit einem Restaurant vermietet. Weil wir gar nicht mehr rauszogen nach Bonames jahrelang. Und dann im Weltkrieg habe ich es eigentlich wieder als Refugium hergerichtet für die Familie. Und so kam es dann auch. Die Familie kam nach und nach wieder hier angelaufen. Aber das Haus war in sehr schlechtem Zustand. Aber damals konnte ich also noch Ärmel hoch und Ordnung machen. Und wir haben uns selber Platz gemacht zum Teil, Mietern nahegelegt andere Räume zu nehmen und sind dann in die Räume gezogen. Unten meine Geschwister; mein Vater, meine Schwester, meine Freundin und ich hier im ersten Stock. Dann hatten wir noch einen Verwandten, Flüchtling, schlesischer Flüchtling, der bei uns jahrelang gewohnt habt.

Oft war das Haus randvoll mit Leben. Auch die Kinder des Bruders Gustav von Metzler und seiner Frau Alexandra wuchsen darin auf. Heute ist es stiller geworden. „Zu leer“, bedauert Olga von Metzler. Vor allem auch seit dem Tod ihrer Freundin Maria D’Orville, ihrer Kinderwagenfreundin.

Olga von Metzler: Sie war ja irgendwie verwandt mit uns auch. D’Orville war verwandt mit uns. Und wir sind zusammen im Kinderwagen ausgefahren worden. Und dann war eine Zeit, wo wir uns überhaupt nichts zu sagen hatten. In der Schule hatte jeder andere Freundinnen. Und dann haben wir uns eben doch so gefunden, dass sie zum Schluss jahrzehntelang mit mir gelebt hat. Eine Schwester, wie eine ganz nahe Schwester.

Olga von Metzler hat sehr intensiv im Familienkreis gelebt und tut es noch. Doch es gab auch eine Orientierung nach außen. 14 Jahre lang war sie beim Verein für Internationale Jugendarbeit, vermittelte Au-pair-Mädchen. Seit 12 Jahren ist sie im Bonameser Seniorenkreis aktiv. Und sie hat viele Freunde, alte und junge.

Olga von Metzler: Mein Hauptberuf waren eigentlich meine Freunde. Ich hatte sehr viele und kümmerte und kümmere mich auch heute noch intensiv um die Menschen, die mir nahestehen.

 

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